Ob in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder in der Schweiz, die Diagnose lautet übereinstimmend, dass sich die Ärzte zunehmend häufiger für alternative Betätigungsfelder entscheiden. Die Lösungsansätze sind völlig unterschiedlich, sofern es überhaupt welche gibt. In M-V versucht man es mit einem Masterplan, in Hessen hat man das Dilemma gerade mal festgestellt aber noch nichts unternommen und es fehlt auch nicht an aberwitzigen Vorschlägen, wie man dem Ärztemangel begegnen könnte.
Auf die Frage, warum sich die Ärzte nicht in gewünschtem Ausmaße niederlassen, gibt es verbalakrobatische Verrenkungen – in Deutschland. In der Schweiz nennt man die Dinge einfach beim Namen. „Niedriges Honorar vermiest Ärzten in der Ostschweiz den Job“, so die Überschrift in der Ärzte Zeitung. Diese Aussage kann man ganz einfach nachvollziehen. Wie sieht es im Vergleich dazu in Deutschland aus?
In Sachsen-Anhalt spricht man von einer Diskrepanz, auf die die Ärztevertreter aufmerksam machen müssten. Aber auch in M-V spricht man von allem möglichen, sei es von Imageproblemen, von fehlender Aus- und Weiterbildung oder von einer erweiterten Leistungsausdehnung der Ärzte. Um das Problem anzugehen, will man sogar ausländische Ärzte mit Werbemaßnahmen anlocken – nur eines scheint man zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser: eine angemessene Honorierung für ärztliche Leistungen zu fordern.
Stattdessen wiederholt stereotyp Angaben zu Durchschnittswerten beim Jahresüberschuss. Was aber hilft es einem niedergelassenen Arzt in Sachsen, dass der durchschnittliche Jahresüberschuss irgendwo in Deutschland bei 75.000 Euro liegt? Wenn ein voll ausgelasteter Arzt in Sachsen gerade mal einen Jahresumsatz von 120.000 Euro mit Kassenpatienten erzielt und sein Einnahmenüberschuss vor Steuern bei 40.000 Euro liegt, dann entspricht dies einem Nettoeinkommen von ca. 1.500 Euro im Monat.
Wie lange wird es dauern, bis die Ärzte sich nicht nur gegenseitig bedauern und gemeinsam in großes Wehklagen ausbrechen. Auch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft ärztlicher Interessenvertretungen in Hessen gegen die Kassenwillkür hört sich eher nach künstlicher Aktivität an. Obwohl man gigantischen Druck der Kassen auf die Ärzte feststellt, kommt es nur zu einer kümmerlichen Ausweichreaktion. Solange die Ärzte nicht bereit sind, auf Druck mit höherem Gegendruck zu reagieren – solange wird sich nichts ändern. Den Rechtsweg zu beschreiten, das hat noch niemandem geschadet. Aber solange es an realen Handlungen fehlt, werden die Ärzte keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung in ihrem Sinne haben.
Facharzt.de meldet dazu: "Der dramatische Ärztemangel, der sich in Hessen bereits heute abzeichnet und die Sicherstellung der ambulanten Versorgung vor allem in den ländlichen Gebieten gefährden wird, macht dies überdeutlich."
Wären Sie Ärztevertreter und die obige Aussage träfe zu – hätten Sie dann ausschließlich den Rechtweg beschritten, der vielleicht „schon“ in fünf Jahren zu einem rechtskräftigen Beschluss führt? Oder hätten Sie nach Mitteln und Wegen gesucht, um auf den dramatischen Ärztemangel noch in diesem Jahr effektiv reagieren zu können?
Von Seiten höchster Ärztefunktionäre kam der Vorschlag, man möge dem Ärztemangel doch mit rollenden Praxen (vermutlich ein umgebauter Bus) entgegenwirken. Eine Versorgung dieser Art hätte man vielleicht für Teile Afrikas, in die sich sonst nie ein Arzt verirrt und wo die Menschen nicht mobil sind, erwartet. In einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland, dessen Gesundheitswesen zum besten zählt, was die Welt zu bieten hat, mutet der Vorschlag wie ein ganz schlechter Witz an. Selbst eine ironische oder sarkastische Interpretation der Worte von Prof. Hoppe, dem Präsidenten der Bundesärztekammer, würde allenfalls bestätigen, dass die Ärztefunktionäre mit dem Problem des Ärztemangels völlig überfordert sind.