Ginge es nach Ulla Schmidt, dann wäre die elektronische Gesundheitskarte (eCard) bereits, rechtzeitig vor der Bundestagswahl, erfolgreich eingeführt worden. Sie könnte sich dann im Erfolg dieses Mega-Projektes sonnen. Aber erstens ist die Bundestagswahl vorgezogen worden, so dass der ursprüngliche Zeitplan völlig über den Haufen geworfen wurde. Zweitens stimmt bei der eCard derzeit so gut wie gar nichts. Einen konkreten Termin will und kann niemand mehr benennen, Fragen des Datenschutzes sind völlig offen. Folgerichtig rechnen Apotheker und Ärzte an der Basis nicht mit einer zügigen Einführung, wie der Kölner Stadtanzeiger schreibt.
Der Medizin-Informatiker Prof. Haas bringt es auf den Punkt: Mit der eCard ist vieles möglich, aber es kommt wie im Leben immer darauf an, was man damit macht. Von der Politik und interessierten Kreisen werden in der Öffentlichkeit ausschließlich die Vorzüge einer eCard gepriesen, beispielsweise die Möglichkeiten zur Dokumentation. Haas sieht jedoch auch die Nachteile einer eCard mit zentraler Datenhaltung. So spricht er davon, „dass der Presse längst nicht alles gesagt wird, was bei der flexibel angelegten Karte in Zukunft alles noch möglich ist“. Das führt doch sofort zu der Nachfrage, was denn mit der eCard alles möglich ist.
Gelangen die Daten in die falschen Hände, kann ein Versicherungswechsel zur unendlichen Odyssee werden oder die Prämien für eine Krankenversicherung steigen ins uferlose. Welcher Arbeitgeber wird schon einen chronisch kranken Mitarbeiter einstellen? Krank sein bedeutet schließlich Mehrkosten bzw. weniger Arbeitskraft für das Unternehmen. Wer einmal im Leben wegen psychischer Probleme in Behandlung war, dem wird es ein Leben lang nachgetragen. Drogenmissbrauch als Minderjähriger – in der zentralen Datenbank steht auch das. Ein Schwangerschaftsabbruch einer minderjährigen muslimischen Patientin und der Vater hätte Zugriff auf diese intimen Daten, der Ärger wäre vorprogrammiert. Das gehört auch zur eCard mit zentraler Datenspeicherung, auch wenn diese Seiten der Medaille von der Politik gerne verschwiegen werden.
Die steten Beteuerungen von Seiten der Politik, dieses Mal von der Patientenbeauftragten Kühn-Mengel vorgetragen, dass man teure Doppeluntersuchungen sparen könne, gehen völlig am Thema vorbei. Viele Patienten wollen gerade eine Zweitmeinung, um sich ihrer Entscheidung sicher zu sein, wie die künftige Behandlung aussehen soll. Ohne eine zweite Untersuchung auch keine zweite Meinung. Wer will sich als Patient denn so bevormunden lassen, dass ihm eine zweite Meinung untersagt wird?
Da jede Doppeluntersuchung zu Lasten der Ärzteschaft geht und keinerlei Auswirkungen auf die Prämienhöhe der Beitragszahler hat, ist das Argument völlig abwegig. Wer sich schon gezwungen sieht, ein so unzutreffendes aber öffentlichkeitswirksames Argument vorzubringen um für die eCard zu werben, der muss sich fragen lassen, was denn der eigentliche Grund für die Einführung der eCard ist. Falsche und vorgeschobene Gründe nähren doch den Verdacht, dass da eine große Mogelpackung vorgeführt wird.
Und dass Politiker keine Probleme mit der Handhabung etwa bei Alzheimer-Patienten sehen („PIN vergessen“), ist nicht etwa der Beweis, dass es solche Probleme nicht gibt. Es ist nur der Beweis, wie wenig Ahnung die Politik von den realen Abläufen in den Praxen haben. Die eCard wird nicht nur viele Milliarden kosten ohne jemals Nettoeinsparungen zu erreichen. Sie wird auch in den Praxen bewährte Abläufe durch zusätzliche Verwaltungstätigkeiten enorm belasten. Nicht mehr der Patient sondern nur noch die zentral über ihn gespeicherten Daten werden durch die Politik in den Vordergrund gerückt.
Es ist eine gute Lösung, wenn Patienten wichtige Daten über ihren bisherigen Krankheitsverlauf dabei haben, wenn sie in die Praxis kommen. Vieles lässt sich eben leichter klären, wenn Unterlagen vorliegen. Aber Daten für alle Patienten zentral zu speichern mit der enormen Gefahr des Datenmissbrauchs, das wäre weit über das Ziel hinausgeschossen. Eine eCard mit solch fatalen Nebenwirkungen kann nicht im Interesse der Patienten sein.